Brief an eine frischgebackene Mama II

Hallo meine Liebe,
zwischenzeitlich wurdest du sicherlich aus dem Krankenhaus entlassen und hast festgestellt, dass Zuhause nichts mehr so ist wie es vorher war. Niemand kann einen wirklich darauf vorbereiten wie es ist, ein Kind zu haben. Kein Buch, keine Erzählung, kein Film. Um zu wissen wie es ist, muss man es einfach erleben. Schlafentzug, verknotete Haare, mitunter nicht einmal mehr die Zeit zu duschen … Was du gerade durchmachst, würde man in einem anderen Zusammenhang Folter nenne. Dazu bist du plötzlich 24/7 im Einsatz.
Nicht verwunderlich, dass man schnell aussieht, als wollte man sich als Statist für »The Walking Dead« bewerben. Das Stöhnen konnte man schließlich die letzten Nächte genug üben, wenn man zum gefühlt hundertsten Mal aus dem Schlaf gerissen wurden. Du kannst dich jedoch schon mal darauf vorbereiten: Es wird erst noch schlimmer werden, bevor es besser wird.
Aber der Körper gewöhnt sich mit der Zeit an den Schlafmangel. Und du dich daran, dass du plötzlich mindestens 5 Jahre älter aussiehst.
Aber nein, es ist nicht nur das erste Lächeln das alles wieder aufwiegt. Unzählige Momente warten auf dich, in denen dein Kind dir zeigt, dass du für es der tollste und wichtigste Mensch auf der Welt bist. Denn du hältst das Glück seines zukünftigen Lebens genau in diesem Augenblick, wie auch auch in den nächsten Jahren, in deinen Händen.

Du hast sicherlich vorab viel geplant, doch mittlerweile hast du die Realität kennengelernt. Und das mit ganz, ganz vielen Hormonen und Gefühlschaos. Vielleicht hast du dich auch schon gefragt, wie du das alles schaffen sollst. Doch das wirst du! Überlege aber gut, wie du den Weg weiter gehen möchtest. Gerade in den ersten Wochen werden nun die Weichen gestellt, wie das weitere Babyleben deines Kindes verlaufen wird. Flasche oder Stillen? Eigenes Kinderzimmer, Beistellbett oder doch gleich Familienbett? Diese Entscheidungen betreffen nicht nur deine eigenen Freiräume, sondern auch die Entwicklung deines Babys. Und leider läuft das Ganze zumeist nicht konform ab.
Die Vorteile des Stillens muss ich dir glaube ich nicht noch mal näher erläutern. Google ist hier voll von Lobeshymnen, Studien und Statistiken. Es ist und bleibt das Beste für dein Kind und auch für deinen Körper. Zudem birgt es auch einiges an Bequemlichkeit. Denn gerade wenn sich das Ganze einmal eingespielt hat, sparst du dir das nächtliche Aufstehen um eine Flasche fertig zu machen. Lange Wachzeiten, bis alles bereit ist. Und auch das sterilisieren unzähliger Flaschen und Sauger. Zudem ist es auch wesentlich günstiger und die Mahlzeiten sind immer optimal auf die Bedürfnisse deines Kindes abgestimmt, was Menge und Inhalt angeht. Doch deine Brustwarzen sehen das vielleicht aktuell ganz anders. Wenn man schon vor dem nächsten Anlegen Tränen in den Augen hat, weil alles wund ist, kann es schon ziemliche Überwindung kosten. Auch ist das Kind bei jeder einzelnen Mahlzeit auf dich angewiesen. Und da der Magen recht winzig ist, kann das schon recht häufig sein. Ein Fläschchen hingegen, kann jeder mal zubereiten.
Solltest du stillen wollen, behalte bitte zwei Dinge im Hinterkopf: Bei jeder Mahlzeit wird gleichzeitig die »Bestellung« für die Nächste aufgegeben. Zufüttern ist dadurch ganz schnell der erste Schritt zum Abstillen, da dann auch die Milchmenge zurück geht. Manchmal hat man aufgrund von zu geringer Gewichtszunahme keine andere Wahl, als zuzufüttern. Doch auch diese Mahlzeiten können wieder durch Muttermilch ersetzt werden, sobald das Gewicht wieder passt. Hierzu heißt es dann einfach: Anlegen, anlegen und noch mal anlegen. 😉
Das Andere ist wohl die Hürde im Kopf, mit den eben erwähnten wunden Brustwarzen. Doch auch hier gibt es unzählige Mittelchen.
Multi-Mam Kompressen helfen beispielsweise super.  Und viel, viel frische Luft. Wenn es überhaupt nicht mehr geht, kann auch der vorübergehende Einsatz von Stillhütchen  eine Möglichkeit sein. Natürlich, sie können zu Saugverwirrungen führen, das will ich hier nicht schön reden. Aber bevor du das Stillen aufgrund von Schmerzen ganz aufgibst, können sie ein Retter in der Not sein.
Letztendlich gilt es ganz klar zu entscheiden: Wählst du das Beste für dein Kind, oder die Freiheit, die das Füttern per Flasche für dich birgt. Auch wenn das Stillen so viel mehr ist als Nahrungsaufnahme, was immer wieder verkannt wird, kann auch das Füttern per Flasche sehr innig sein. Aber es ist und bleibt eben nicht das Selbe.

Aber machen wir mal mit meinem »Lieblingsthema« weiter: dem Schlafen.
Beliebt, vor allem von der Fraktion »Mir hat das doch auch nicht geschadet« oder »Meine Mutter hat das auch schon so gemacht« ist es, das Kind von Anfang an alleine im eigenen Zimmer schlafen zu lassen. Das hat natürlich für die Mutter so einiges an Vorteilen, in Form von Freiräumen. Das Bett bleibt das Eigene und die Kinder schlafen vermeintlich schnell durch. Alles Supi …
Falls es noch nicht aufgefallen ist, ja, hier Sarkasmus am Werk. Für mich ist diese Form des Schlafens das Schlimmste, was man einem Kind antun kann. Warum?
Du kommst geradewegs aus Schlarafia. Alles war warm, es gab essen und trinken, wann immer du Lust dazu hattest. Die unterschiedlichsten Geräusche lullten dich in den Schlaf. Zwar war es am Schluss etwas eng, aber trotzdem sehr, sehr kuschlig. Plötzlich bist du in einer fremden Welt und mal ganz davon abgesehen, dass es Arsch Kalt ist, du plötzlich erst mal auf dich aufmerksam machen musst, wenn du Hunger, Durst oder einfach eine volle Windel hast, ist diese Welt auch einfach riesig. Alles was mehr als eine Armlänge weg ist, nimmst du lediglich verschwommen war. Es gibt keine Grenzen, keine Wärme und auch diese beruhigenden Geräusche sind weg.
Tagsüber wirst du getragen, gestreichelt, gefüttert und du merkst, dass diese Frau, die so super riecht, dich wirklich liebt. Aber nachts … nachts bist du allein. In dieser gemeinen Stille. Du bist dir sicher, dass die Schatten immer näher rücken und egal was sich in ihnen verbirgt, es ist mit Sicherheit gefährlich. Du fängst an dich zu beschweren. Erst leise. Du willst das was im Schatten lauert ja nicht anlocken.
Doch es kommt niemand. Du wirst lauter, hast Angst und diese Angst überflutet dich irgendwann so sehr, dass du aus Leibeskräften schreist. Und dann kommt sie endlich. Die Wärme, die Liebe, die Sicherheit. Du wirst in den Arm benommen. Gestreichelt. Irgendwann schläfst du wieder ein. Doch wenn du aufwachst, fängt alles wieder von vorne an und du fragst dich, warum sie dich alleine gelassen hat. Warum sie dich immer wieder der Dunkelheit überlässt. Irgendwann hörst du auf zu schreien. Verlierst das Vertrauen. Denn selbst, wenn sie immer wieder kommt,… sie lässt dich auch immer wieder in der Dunkelheit zurück. Wenn die Schatten kommen, dann ist das eben so. Du kannst es nicht ändern. Denn egal wie sehr du auch schreist,… immer wieder wachst du alleine im Dunkeln auf.
(Liebe »Mir hat es doch auch nicht geschadet«-Fraktion: Falsche Bärte und Steine gibt es beim Eingang Links. Die Termine zur Steinigung werden öffentlich ausgehängt.)
Aber nun zurück zum Thema. Alleine Schlafen ist und bleibt für einen Säugling, der sich gesund entwickeln soll, keine Option. Doch wenn es unbedingt sein muss, dann mach es gleich. Denn das Schreien wird nur lauter, die Tränen reichlicher und die Verzweiflung größer, je länger du damit wartest.
Die nächste Option ist ein Beistellbett. Diese Möglichkeit ist mittlerweile glaube ich auch ziemlich weit verbreitet. Auf jeden Fall wenn ich mir meinen Freundeskreis so anschaue. Schließlich ist das Ganze für alle Seiten auch recht praktisch. Schon beim leisen Glucksen wird man wach und mitunter reicht dann schon ein »Handauflegen« oder beruhigender Satz, damit der neue Erdenbewohner wieder ins Land der Träume entgleitet. Stillt man, ist der Weg zur Brust nicht weit und nach kurzer Zeit wird keiner von beiden mehr richtig wach werden. Der Vorteil ist auch ganz klar, dass man sich nicht versehentlich auf das Kind rollen kann, oder es mit zudecken.
Es ist jedoch auch manchmal so, dass dies die Vorstufe zum Familienbett ist. Das kommt immer darauf an, wie sich die Eltern entscheiden, wenn das erste Beistellbettchen zu klein wird. Größeres Bett und dann ab ins eigene Zimmer? Oder hat man die gemeinsame Schlafsituation so zu schätzen gelernt, dass man einfach ein Jugendbett kauft und das Doppelbett zu einer 3er-Liegefläche aufrüstet. (Eben bei einer dreier Konstellation, sonst eben eine 90er-Matratze pro Person. 😉 ) Und schon sind wir beim Familienbett. Ich spar mir jetzt das große Rumgeschwärme. Da es kein Geheimnis ist wie bei uns geschlafen wird. Es gibt für mich einfach nichts innigeres als das Familienbett. Aber es gibt eben auch ganz klar Nachteile für uns Mütter. Das Kind wird in der Regel jeden Abend in den Schlaf begleitet. Ich will auch nicht verheimlichen, dass ich dies schon seit über drei Jahren mache. Auch wenn ich es nicht so empfinde, ist dies für viele Mütter eine enorme Einschränkung. Andersherum, gibt es natürlich auch Mütter, die ihr Kind ohne Familienbett jeden Abend in den Schlaf begleiten und alle sind damit glücklich.

(Keine der genannten Möglichkeiten wird jedoch etwas daran ändern, dass du in den nächsten Jahren verdammt wenig Schlaf bekommen wirst. Es ändert lediglich etwas an der Qualität des Schlafes. 😉 )

Die Entscheidung wie die ersten Jahre verlaufen werden, liegt bei dir. Überlege sie dir gut. Denn je mehr Nähe du deinem Kind in den ersten Jahren seines Lebens gibst, je mehr Vertrauen es in dich hat, das du immer für es da bist, desto gefestigter wird es sein. Deine Anwesenheit und Präsenz ist essentiell für das Wohlbefinden deines Kindes. Damit meine ich nicht, dass du es nicht einmal jemand anderem anvertrauen sollst, sondern dass es sich auf dich verlassen kann.
Das Wichtigste, was du deinem Kind mit auf den Weg geben kannst, ist eine glückliche Kindheit. Diese macht aber nicht die Menge an Spielzeug aus. Auch nicht die Menge an toller Kleidung. Eine glückliche Kindheit wird davon geprägt, das ein Kind sich keine Sorgen machen muss – Mal von Kindersorgen in Form von »Wie komme ich an die Gummibärchen« oder »Spinat ist eklig«  abgesehen. Ich glaube du weißt schon was ich meine. Es soll sich deiner Liebe sicher sein und erst recht nicht ängstigen muss, alleine gelassen zu werden. Denn dies ist der Grundstock später einmal selbst harmonische und glückliche Beziehungen führen zu können.

Alles Liebe
Julia

 

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